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9, rue Becquerel

Für Sobir

algier2016

Grau verwaschen beginnt dieser Tag. Keine rosigen Schlieren, die im Saum des Himmels flirren, kein zartes Blau, wie es sonst in Schichten über dem Rosa liegt. Es ist kühler geworden. In der Morgendämmerung lag ein Netz von Feuchtigkeit auf den Blätter der Orangenbäume, auch der Kies auf der oberen Gartenterrasse war naß.

Die Vorderfront des Hauses liegt an der rue Becquerel, einer Sackgasse, an deren Ende neben dem täglich größer werdenden Müllhaufen eine Treppe zum Boulevard Krim Belkacem hinunter führt. Der Garten hinter dem Haus reicht mit seinen vier Etagen bis zur rue Blaise Pascal. Dort gibt es, eingelassen in eine Efeu überwucherte Mauer, auf der die letzten Morning Glories des Jahres blühen, einen zweiten, von uns nie benutzten Ausgang. Man kann unbemerkt vom Grundstück verschwinden, während jemand das Haus betritt. Nr. 9, rue Becquerel muß einmal eine bezaubernde Anlage mit einem südfranzösisch duftenden Garten gewesen sein – nicht unüblich damals in Télemly, dem oberen Zentrum der Stadt. Jetzt ist es ein zusammengeflickter Bastard auf verwahrlostem Grund, dessen Atmosphäre an einen stillgelegten Bahnhof erinnert. Die Stunden gleiten zwischen Shuruq und Zuhr dahin, und während ich auf einem Bleistift kaue, baden die dunkelblauen Tauben im algendurchmischten Wasser des oberen Brunnens. Die Goldfische darin gedeihen gut. Seit wir hier wohnen, sind sie enorm gewachsen. Weiter unten gibt es ein zweite Fontäne, einen Knaben mit Delphin. Aber bis auf ein paar welke Blätter sind ihre Becken leer. Einen Augenblick, der noch lange dauern oder sekündlich beendet sein kann, durchstreifen meine Augen den größten Raum des größten aller Häuser, in denen ich bisher wohnte. Der Plafond des Salons mißt über fünf Meter. Sechs schmale, hohe Fenster lassen laubgrün gefiltertes Gartenlicht herein. Zwei Türen. Eine davon führt links in einen kleinen Gang. Die zweite mit doppelten Flügeln und drei Stufen davor leitet über in ein Ante-Chambre, das als Durchgang fungiert zum selben Korridor. Dahinter liegen Speisezimmer und Küche. Das Haus ist ein architektonischer Reigen. Auf beiden Ebenen flüchten die Zimmer im Kreis. Vielleicht war die Formation der Räume ihrer ursprünglichen Bewohnerin nützlich … Aber weder das Mauerwerk aus dem 19. Jahrhundert noch die Versatzstücke späterer Dekaden reichen aus, um eine verbindliche Aussage über die Jahre zu machen, die hier stattgefunden haben. Nischen. Ecken. Verschläge. Blinde Türen. Wandschränke. Kammern. Sogar ein mit Fayancen ausgelegter Gewölbekeller, in dem man aufrecht stehen kann. Zwischen den Fenstergauben führt eine Freitreppe hinauf zur oberen Kiesterrasse, heimlicher Probenort einer sich nie erfüllenden Sehnsucht. Tatsächlich wurde hier außer Wein wohl Eis für kleine Feste gelagert in einer Zeit, als das Land noch ins französische Geschirr gezwungen war. Die événements, die Ereignisse, wie man in Frankreich den algerischen Kampf um die Unabhängigkeit nennt, suggerieren eher ein Versteck. Die Gitter vor den holzverschalten Fenstern der oberen Räume wurden allerdings erst während des jüngsten Terrors angebracht, in den 90er Jahren. Jetzt machen sie Zootiere aus uns. Doch noch gibt es keinen Anhaltspunkt für dieses Jetzt. Erst um zehn Uhr rastet die offizielle Stunde ein. Abseits der Gebete tritt mit ihr in diesem Haus die Zeit in Kraft. Der morgendliche Schlendrian, das säumende Träumen, die leicht süffisante Arroganz gegenüber der Wirklichkeit verkrümeln sich.

Es ist zehn Uhr an einem Donnerstag. Das sehe ich nicht auf einer Armbanduhr mit Tages- und Datumsanzeige, einem Computer oder einem Smartphone. Daß es zehn Uhr morgens an einem Donnerstag ist, höre ich, weil ein Schlüssel im Schloß herumgedreht und das große Eisenportal zugeknallt wird. Ohne von meinem kleinen Schreibtisch mit Blick durch die Gitter auf Kiesterrasse, Springbrunnen, Garten aufzustehen, weiß ich, daß Alima jetzt ihre Schuhe quer durchs Vestibül schleudert, wo ich später auf dem Weg nach oben über sie stolpern werde. Über die Latschen. Nicht über Alima. Obwohl auch das denkbar wäre: daß die Schuhe die Trägerin von sich schleuderten und die Frau im Vestibül liegen bliebe. In einer Welt der beseelten Dinge hätten die Schuhe die Nase voll von der Frau. Der schlurftende Gang. Die lustlosen Schritte. Der Groll auf die Welt. Unglück und Überdruß. Jede Bewegung Schikane. Das ist Alima. Vor zwei Jahren, als wir eingezogen sind in dieses für zwei Personen viel zu große Haus, das Napoléon III. für eine seiner vielen Geliebten bauen ließ, habe ich Alima gebeten, jeden Donnerstag um zehn Uhr zu kommen, um mir im Haushalt zu helfen. Warum ich das tat? Weil häufiges Umziehen quer durch die Welt meschugge macht. Ich brauchte Hilfe. Rat. Jemanden, der kundig in örtlichen Gepflogenheiten war. Mich Kollisionen vermeiden ließ. Mich lehrte, was hier üblich ist. Alima fing sofort damit an. Da – nicht nur – ihr arabischer Begriff von Genauigkeit dehnbarer als ein Haargummi ist und auf mich Pünktlichkeit einen unwiderstehlichen Charme ausübt, haben wir uns darauf geeinigt, daß es Donnerstag pünklich zehn Uhr ist, wenn sie das Haus betritt. So sind wir beide zufrieden. Mitunter allerdings kommt Alima mit dem Ruf des Muezzins in Konflikt, der ihre Pünktlichkeit ignoriert. Er ruft, wenn seine und nicht ihre Zeit gekommen ist. Zu meiner Verwirrung. Immerhin schreit er jeden Tag, so daß jeder Tag ein Donnerstag sein könnte.
Alima rauscht in ihren wallenden Gewändern vom Vestibül durch den Gang: Abaya, Hidjab, Niqap – alles übereinander und ineinander gesteckt und genadelt und über dem Hinterkopf so hoch aufgebaut, daß ich beim ersten Mal einen gemästeten Truthahn darunter vermutete. Auf dem Weg zur Küche zieht sie sich im Speisezimmer die manchmal schwarze, manchmal leuchtend blaue Haut über den Kopf und hinterläßt einen riesigen Haufen stinkenden Stoffs auf dem Boden. Dem Geruch nach zu urteilen wäscht sie ihre Straßenpelle nie. Sie sagt nur „Bonjour“, wenn sie gute Laune hat. Heute ist blauer Stofftag und ein offenbar schlechter. Alima verschwindet wortlos in der Küche und schließt die Tür hinter sich. Wenig später klingelt es an der Haustür. Alima öffnet nicht. Also gehe ich. Es ist ein langer Weg vom großen Kaminsalon zum Vestibül mit seiner schneckenhausförmig gedrehten Treppe und dem Eingang darunter. Er führt über altes Parkett und ornamentierte Fayencen. Als ich die Haustür zur Sackgasse öffne, steht eine Unbekannte in Abaya und Hidjab vor mir – und zuckt zurück: Männerhemd, Jeans, offenes Haar, tiefrot geschminkte Lippen und barfuß. Offensichtlich hat sie einen Menschen erwartet – nicht das. Sie fängt sich. Fragt schüchtern, ob sie arabisch oder französisch mit mir sprechen soll. „Deutsch“, sage ich auf Französisch, und ihren dunkelbraunen Augen ist anzusehen, daß sie mich für irre hält.

„Renvoie – z – elle“, zischt Alima plötzlich unfreundlich in meinen Rücken, und nicht zum ersten Mal wundere ich mich über das bizarre Französisch, das hier gesprochen wird. „Elle veut mendier à toi“, schickt sie hinterher, so hart in der Stimme wie sonst nur, wenn sie einmal mehr ihren garstigen Sohn verteidigen will. Ich schäme mich. Für meine törichte Laune, die mir dieses Gefängnis aufzwingt, und für Alimas schlechte gleich mit. Was muß die Bettlerin denken von unserem Haus? Daß es vom Teufel besessen ist? Ich greife in meine Jeanstasche, gebe ihr ein bißchen Geld und schließe unter einem „Assalamu alaikum“ die Tür. Als ich mich herumdrehe, um die Treppe hinaufzulaufen, die Wäsche aufzuhängen, zu entkommen, stolpere ich über Alimas Galoschen. Kaum oben, klingelt es wieder. Ich horche. Es klingelt noch einmal. Alima rührt sich nicht. Es klingelt Sturm. Ich laufe wieder nach unten und öffne. Ahmed ist da. Das wird ein guter Tag.

„Bonjour, Madame, comment vas – tu ? »
Wir seien für zwölf verabredet. Ahmed ist immer pünktlich. Also ist es zwölf Uhr. Leider kommt er nicht jeden Donnerstag. Wie immer ist er umgeben von einer Wolke Eau de Toilette. Wie immer steckt mich sofort seine Gutlaunigkeit an. Sein nahezu zahnloser Mund (außer schwarzen Stümpfen hat er nur noch drei Schneidezähne, und auch die sind fast schwarz) lacht mir entgegen. Seine Augen flackern. Er gibt mir die Hand und behält die Schuhe an.

„Le lustre, Madame.”
Richtig, der Lüster. Außer einer großen Matratze im ersten Stock, ein paar Teppichen, einem Holztisch mit einem Dutzend Stühlen im Speisezimmer, einem durchgesessenen Sofa vor dem Kamin, meinem Schreibtisch, einer Rudermaschine und einigen Bücherstapeln ist Louis Napoléons Liebesbude leer. Das Kerzenlicht des gewaltigen Lüsters, der über die Jahre einen Weg von Paris über Saigon, Islamabad, Kabul, Berlin, Duschanbe bis Algier hinter sich hat, aber monatelang in einer Kiste unter Styropor vergraben war, soll jetzt endlich ein bißchen Anmut in die nackten Hallen zaubern. Ich arbeite gern mit Ahmed. Während wir zusammen werkeln, erzählt er mir Neuigkeiten aus der Stadt oder Schreckliches aus der Vergangenheit Algiers. Wie Alima duzt er mich. Das algerische Französisch verwendet kaum je die Form des Sie, vielleicht um sich offiziell von den Franzosen zu distanzieren, denen man inoffiziell dann in den Hintern kriecht.

„Et vous, Ahmed, ca va?“, frage ich ihn, während er sich daran macht, seine Werkzeuge auszupacken und ordentlich wie ein Chirurg sein Besteck nebeneinander zu legen.
Als er mich statt einer Antwort anstrahlt, erkläre ich ihm, daß ich nur noch schnell die Wäsche aufhängen muß, und verschwinde über die schneckenhausförmige Treppe nach oben. Es gibt noch eine zweite im hinteren Trakt. Gradlinig. Streng. Die vordere aber ist das Herzstück des Hauses. Frivol. Im Gegensatz zu den martialischen Fenstergittern zeugt sie vom illusteren Teil vergangenen Geschehens. Der obere Absatz ist wie für Kinder und Spione gemacht. Man sieht von dort, wer das Haus betritt. Aber man wird nicht gesehen. Oben angekommen gelingt es mir gerade, das fünfte Hemd auf einen Bügel zu hängen, als unten mörderisches Geschrei ausbricht. Die Akustik der leeren Räume ist ausgezeichnet und leitet die einzelnen Töne einer Tirade zum Vestbül, wo sie aufsteigen wie Seifenblasen. Unten, so überzeuge ich mich, führen Ahmed und Alima einmal mehr großes Theater auf. Sie verabscheuen sich, seit Alima zu der Überzeugung gekommen ist, daß Ahmed ihrem Mann den Job als Mädchen für alles weggenommen hat. Dabei stand Alimas Mann nie zur Debatte.

Alima hat sich vor dem grinsenden Ahmed aufgebaut, die Fäuste in die feisten Hüften gestemmt. Der pinkfarbene Jogginganzug mit den kleinen bunten Mickeymäusen zeichnet jede Speckfalte ihres Körpers ab. In Ahmeds blitzenden Augen sehe ich, daß er – schwarze Zahnstümpfe hin oder her – diesen Strampelanzug an einer fast fünfzigjährigen Matrone mißbilligt. Er verfügt über einen exquisiten Geschmack, dieser Ahmed, und seine Zahnstümpfe lehren mich den Irrsinn jeder Konsequenz. Das Blitzen in seinen Augen indes wird von Sekunde zu Sekunde übermütiger. Ich fürchte, Ahmed in seiner nonchalanten, zahnlosen Dreistigkeit könnte jeden Augenblick anfangen zu singen, während Alimas Rede sich überschlägt. Sein Gesang ihr mitten ins Gesicht. Er macht das oft. Manchmal zur Freude. Mitunter gegen die Trauer. Auch aus Wut über den Wahn in der Welt. Jetzt droht er es zu tun, weil er die übellaunige Alima zum Explodieren bringen will. Auch mir wäre es ein Vergnügen. Dennoch muß ich dem Lauf innerarabischen Unheils Einhalt gebieten, sonst bin ich Alima los. Bevor Ahmed zu singen beginnt, bitte ich ihn, sich wieder dem Flaschenzug zuzuwenden, richte Kaffee und Mandelgebäck für uns alle und kehre an meinen Schreibtisch zurück. Von hier aus, so bilde ich mir ein, habe ich das Geschehen im Griff. Oder auch nicht. Alima kommt zurück, und allein der Ruf von Dhuhr vermag ihr Geschrei zu übertönen. Als der Muezzin geendet hat, fängt Ahmed an zu singen.

Die dunkelblauen Tauben haben vor dem Gärtner, der die Blätter auf dem Kies zusammenkehrt, die Flucht ergriffen. Der Gärtner gehört nicht zu uns wie Ahmed oder Alima. Er gehört zum Haus wie das Dach oder die Treppen. Er ist langbeinig, glatzköpfig, dünn und arbeitsam, ein Weberknecht, der weder „Assamlamu aleikum“ sagt noch „Bonjour“ oder „Au revoir“. Er ignoriert uns vollkommen. Er ist auch nicht wirklich ein Gärtner. Seit ich erkannt habe, daß er nur zum Fegen und Kehren und Harken bestellt worden ist, kümmere ich mich um die Bäume, die Rabatten, schneide die Rosen. Seit Tagen schon sind die Orangen reif. Ihr bittersüßes Parfum schwebt durch die unteren Räume. Die große Schale mit den rostgelben frischgepflückten Früchten erinnert mich an Weihnachten auf einem anderen Kontinent. Nur an die über hundert Jahre alten Dattelpalmen, die immer noch ihr Kleid aus toten Wedeln tragen, traue ich mich nicht heran. Ich müßte mit Fußeisen den Stamm hinaufklettern, um sie von ihren Lumpen zu befreien, überlege ich, während Ahmed mit Kaffee und Zigaretten zu einer Pause nach draußen verschwindet.
Es ist nicht leicht, sich an die Wirklichkeit zu halten, behalten zu wollen, was man hier sieht. Weder die Spuren des Vergangenen noch die Trassen der Gegenwart verleiten dazu. Eher zum Vergessen. Ignorieren. Übersehen. In den Boden vor mir ist ein Blutfleck eingesickert und sättigt eine kopfkissengroße Stelle im kunstvoll verlegten, mehr als fünfzehn Dekaden alten Intarsienparkett. Mit den Jahren ist sie schwarz geworden. Jaffar, der uns sein Elternhaus vermietet und in der Rue Didouche Mourad ein kleines Antiquitätengeschäft betreibt, erzählte mir, daß sein Freund Jacques Levy in diesen Räumen seine Anwaltskanzlei betrieb. 1994 drangen Mitglieder des Front islamique du salut ins Haus und schlachteten Levy und seine Sekretärin auf der Stelle ab. Ich sehe jeden Tag auf diesen Fleck, so wie ich in die tristen Gesichter Algiers schaue, die bröckelnden Fassaden und auf die täglich größer werdenden Müllhaufen, wenn ich das Haus verlasse, um einkaufen zu gehen. Die dunkelblauen, im Springbrunnen badenden Tauben im Garten gehören zur bezaubernden Seite des Hauses. Die schneckenhausförmige Kindertreppe. Der Duft der Orangen. Ahmed ruft aus dem anliegenden Gang, daß der Flaschenzug für den Lüster fertig sei. Er steigt die Leiter hinauf, und ich bin im Begriff, auf seinen Befehl das riesige Ding, das an eine Ballerina im weißen Tutu erinnert – tatsächlich ein schwebender Schwan! – langsam hinauf zuziehen, als Alima mit Putzeimer und Schrubber gerade aus der Küche kommend in Richtung Vestibül verschwinden will. Ein beißend scharfer Gestank von Putzmittel überfriert brachial den zarten Zitrusduft. Ich habe ihr schon mehrmals verboten, das Zeug zu kaufen, ein deutsches Produkt, für den hiesigen Markt gepfropft, als müßte man Häuser damit zum Einsturz bringen, was doch seit fünfzig Jahren von ganz allein passiert. Ich bin sicher, Alima provoziert mit Absicht meinen Zorn und hat die dreifache Dosis genommen. Das reicht auf einen Streich für die ganze Stadt. Gerade jetzt, wo ich das Seil nicht loslassen kann, beginnt sie die alten Fayancen mit dem scharfen Zeug zu schrubben.
„Arrêtez-vous, Alima“, schreie ich in den Gang hinter mir, was ungefähr so wirksam ist wie eine Abrißbirne mit der Hand aufzuhalten. Sie wischt, zufrieden grunzend, mit dem Willen zur Vernichtung, und mir bleibt nur, es geschehen zu lassen. Als sei der Gestank Alimas Rache für Ahmeds Gesang. Der Muezzin ruft Asr aus. Der Kronleuchter hängt. Alima kreuzt noch einmal unseren Weg. Kurze Zeit später eilt sie in volle Pelle gekleidet mit ihrer riesigen Handtasche in Richtung Ausgang. Die Haustür knallt zu. Einen Lidschlag lang herrscht Stille, bis Ahmed wieder zu singen beginnt. Asr, so scheint es mir heute, geht nahtlos in Magrib über, während der Mann, den ich in Ermangelung eines anderen Titels Gärtner nenne, die Harke noch einmal durch den Kies zieht. Im ersten Dunkel des Abends packt Ahmed sein Werkzeug zusammen. Ich steige auf die Leiter und zünde Kerze um Kerze an. Dann hole ich Wein aus dem Kühlschrank und reiche Ahmed ein Glas Blanc d’Aboukir. Gemeinsam stehen wir unter dem Lüster und staunen in den flackernden Schein. Der Gärtner ist fort. Die Tauben baden wieder. Es ist Abend geworden. Kein Laut von der Straße. Um uns herum tanzen Schatten in einer Höhle.

Algier, im Dezember 2015
(abgedruckt in Akzente 1/2016)


Die wenigen Stunden im Leben, die angenehmer sind als die Stunde jener Zeremonie, die uns als Nachtmittagstee bekannt ist, bedürfen besonderer Umstände.
Henry James

Metaphormose

(Gisela Kleinlein zugeeignet)

Herzschrittmacher*, schoß es mir durch den Kopf, als ich auf die Kiesterrasse blickte, und im selben Augenblick erkannte ich, daß diese – vorgelagert einem Haus in der Hauptstadt eines maghrebinischen Landes – sich exakt so darstellte wie jene der Villa Romana bei Florenz, von der aus ein viertel Jahrhundert zuvor eine illustre Gesellschaft in die Hügel aufgebrochen war, um jenseits von Kies und Terrasse ihr Glück zu suchen. Was wohl aus den Leuten geworden war?
Und was würde aus meiner Freundin Leonor werden? Leonor, im oberen Stockwerk dieses schauderhaft großen stillen Hauses, das so sehr der Villa Romana glich, als hätte ein Spuk seine Finger im Spiel, wurde seit Wochen schwächer und schwächer. Während ich beklommen die unheimliche Lage bedachte, wurde die Terrassentür von einem Windstoß aufgedrückt, der ihre Flügel fast aus den Angeln warf. Eine riesige Fledermaus, schwarz bis auf das lichte Rund ihrer Augen, stand im Rahmen und zog sich, kaum hatte ich die sinistre Gestalt vermessen, die Haut über den Kopf. Darunter kam eine kleine feiste Frau zum Vorschein, stark geschminkt wie die Gallionsfigur einer Halloweenparade. Der violett getünchte Mund stützte in seinen Winkeln die entzündet orangefarbenen Backen ab, hängend wie ausgelutschte Kuheuter mit gnadenlos abgenagten Zitzen. Ich sah die Frau zum ersten Mal im Haus. Sie sah mich nicht. Als sie sich laut jammernd den Schweiß von Stirn, Wangen, Hals gewischt hatte, stieß sie einen Schwall stinkenden Atems aus. Es war Ramadan, jener Monat, in dem alle hiesig Gottgefälligen stinken, und sie schien hiesig und gottgefällig allen voran. Das dünstende Weib humpelte in Richtung Küche. Hüftschaden oder Kinderlähmung, diagnostizierte ich voller Geistesgegenwart, warf Geist und Gegenwart aber sogleich auf den schwarzen Haufen Haut, den die Frau, offenbar die Besorgerin dieses öden Kastens, am Boden zurückgelassen hatte.
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Ich mußte mich unbedingt wieder Leonors Frage widmen. Seit Tagen – mir schienen es inzwischen Wochen zu sein – versuchte ich herauszufinden, woran meine Freundin litt. Leonor hatte mich rufen lassen, bevor ihr Mann zu einer Konferenz ins benachbarte Ausland reiste. Oben in ihrem Zimmer sah ich sie einmal mehr in zerwühlten Kissen liegen: Als quälte sie einer der Träume, die sonst nur Kinder befallen und bösartig einer zweiten, dritten, vierten Prüfung unterziehen, obwohl die erste längst bestanden ist. Aber wer sollte ausgerechnet sie quälen wollen? Und warum? Von draußen drang das fünf Mal tägliche Allahu Akbar hinein. Undenkbar, daß eine haßerfüllte Person ihre Enttäuschung über den eigenen Mißerfolg, die gemeinen Bremsen, die hartnäckigen Mückenstiche, die tiefen Falten des Neides, den sauren Magensaft, die aderndurchkrampften Waden, kurz: das ganze widerwärtig alltägliche Unglück des eigenen Lebens ausgerechnet an meiner sanfmütigen Freundin auslassen wollte. Hing der Alp mit einer unerfüllten Rache zusammen, die wie dieses Haus samt seiner Kiesterrasse aus dem fernen Europa hierher geflogen war? Oder hatte sich ein Dorn in Leonors Hals verfangen und zu eitern begonnen?
„Rette mich“, flüsterte sie, als ich die Kissen aufschüttelte und versuchte, sie höher zu betten. Sie öffnete ihre gekrallte Hand und offerierte mir eine schmutzig weiße Kugel Papier. „Bring mich dorthin, zurück in jene Zeit, an jenen Ort. Noch heute. Sonst ist es zu spät.“
Vorsichtig strich ich glatt, was sich als sepiafarbene Photographie entfaltete. Sie zeigte Schlittschuhläufer. Drei Frauen im Vordergrund. Eine von ihnen trug einen Muff und aufgestecktes Haar. Irgendetwas an ihr war mir vertraut. Vielleicht ihre Haltung. Auch das Haus im Hintergrund erkannte ich. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Schließlich sah das Haus, in dem wir uns befanden, auch wie ein anderes aus. Um Zeit zu gewinnen, injizierte ich Leonor allen verfügbaren Trost in ihre eismeerfarbenen Augen und ging nach unten, um Tee zu kochen und die Lage zu bedenken. Von dem sinistren Subjekt, das in draculäischer Manier die Metaphormose vom Fabelwesen zur Frau vollzogen hatte, keine Spur. Auch die schwarze Pelle, die schmutzigen Abdrücke auf dem hellen Marmor und der affenhafte Gestank waren verpufft. Erst als ich mit dem Teetablett wieder Leonors Zimmer betrat, wurde mir mein fataler Irrtum klar. Über meiner Freundin hockte, die Beine gepreizt, den Zähne in ihrem Hals, die Fledermaus und sog Leonor die letzten Tropfen Blut aus den Adern. Abu Draculs Töchter, Frauen, Schwestern, Nichten, Cousinen schwirrten als schwarzes Geschwader über Wasser und Land. Jahre später meinte ich auf Manhattans Madison Avenue eine Frau in Abaya und Hidjab zu erkennen. Sie sah mich erstaunt mit Leonors eismeerfarbenen Augen an. Dann senkte sie schamhaft den Blick.

Algier, den 2. November 2015, in commemoratione omnium fidelum defunctorum.


ALRAUNE

Ich wünschte, das Leben möge sich an die Kleider anpassen, die sie trug.
Sie wünschte sich ohne Zweifel, aus einer Bauernfamilie im Norden zu stammen, aus einem Geschlecht, dessen Stamm es mit einer 600 Jahre alten Ulme hätte aufnehmen können. Statt dessen war sie von hier, aus dem mittleren Westen, und ganz aus dem Unglück ihrer sich einst flüchtig begegnenden Eltern geboren.
algier42Das, was ihr blieb, denn sie neigte nicht zum Jammer, war ihre geistige und körperliche Anmut.
Ich wußte sofort, daß ich sie ein bißchen zu sehr retten wollte, deswegen trennte ich mich von meinen Gefühlen, wenn ich in ihre Nähe kam, und vertiefte mich ganz in ihren Anblick.
Ihre Kleidung, die Farben, die Düfte, die Tracht ihres Haars: geradezu alles, womit sie ihren Körper voller Sorge präparierte, und vor allem die Art, wie sie ihren Leib in Massen von Stoff einschlug, wirkte, ohne daß sie es zur Kenntnis nahm oder überhaupt nur davon wußte, wie Blütenstaub, den ein Tier auf einen anderen Blütenstempel fallen läßt. Es gelang ihr, ohne daß sie sich von einem Ort zu anderen bewegte, etwas in Gang zu setzen. So fiel mir wenige Wochen, nachdem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten, auf, daß am anderen Ende unserer nicht gerade kleinen Stadt jemand ihr ähnlich wurde. Ein Jahr später gab es eine ganze Population von Frauen in ihrem Alter, die ihren Haarschnitt trugen und angefangen hatten, ähnlich zu duften wie sie. Mit anderen Worten, etwas an ihr oder in ihr führte dazu, daß sie Ableger zeugte.
Jahre später erfuhr ich, daß die Anmut dieser Frau, der das Leben sich hätte anschmiegen sollen, eine Pflanze war, die der Tod eines Hingerichteten uns schenkt.

(Für Eva Schwingenheuer, 2002)


algier

Mignons Sehnsucht nach dem Land der Orangen …
Jules de Goncourt

Extrême Orient

Diplomaten, ganz gewiß, sehen das anders. Vertreter der Handelskammer auch. Die GIZ sieht es möglicherweise ähnlich wie die Caritas. Der Konsularbeamte der Algerischen Botschaft in Berlin sah nicht einmal auf. Wortlos, mit spitzen Fingern schob er mir das Visum über den Schreibtisch.

  • Ist Algier eine schöne Stadt?
  • War noch nie da.
  • Dann sind Sie kein Algerier?
  • Meine Eltern. Ich bin in Köln geboren.
    Kurz hinter dem Flughafen auf dem Weg ins Zentrum begann der Stau. Der Taxifahrer hupte, wechselte die Spur, hupte wieder, wie alle anderen alle Tage, achtzehn von vierundzwanzig Stunden lang auf jedem Zu- oder Durchgang der Stadt.
  • Daran ist die Regierung schuld. Und die Juden, sagte er, und drückte noch einmal wie durchgedreht auf die Hupe.
  • Wieso die Juden? Das ist doch Blödsinn, antwortete ich, hin und her gerissen zwischen Ärger und Resignation.

Keine Stunde war ich im Land und hörte das Gleiche wie während der Jahre in Duschanbe und Islamabad. Die Sonne stand als riesige Orange tief über der Bucht, darüber ein violett leuchtender Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, weiße hohe Häuser davor, Palmen, das Meer, der Strand. Doch je näher wir der Stadt kamen, je tiefer wir in das Gewirr der Straßen drangen, die Hügel hinauf, je länger wir blieben, je öfter wir Blumen, Brot, Gemüse kauften, die Sonne auf, die Sonne untergehen sahen, desto mehr entpuppte sich Alger La Blanche als dreckige Vettel, zerlumpt, vermüllt, verwahrlost trotz ihres unermeßlichen Reichtums, ihrer üppigen Vegetation, ihrer köstlichen Lage, ihres unwiderstehlichen Klimas, ihrer beeindruckenden Architektur, ihres unvergleichlichen Lichts. Menschen bewegten sich wie Irrlichter im Labyrinth ihrer Gassen, bei Tag, bei Nacht, die Stinkende hütete hinter ihrer skrofulösen Fassade tanzende, schillernde Wanzen wie zu Lullys Zeiten die cour francaise. Algier gab sich hermetisch, abgeriegelt, schwer zu durchdringen, die Menschen mißtrauisch, gelangweilt, bedrückt, und über allem erklang von Fajr bis Isha der Ruf der Muezzin, nicht von der Platte wie in Pakistan, sondern mit frisch intonierender Stimme. Allahu akbar.
Es war leichter im Fell eines Hundes einen Floh zu erwischen als eine Wohnung in der Stadt. Nach einem halben Jahr suchte ich immer noch, an diesem Tag stand ich am Boulevard Krim Belkacem und sah ein bröckelndes, ehemals weißgetünchtes Gebäude hinauf, dessen die Balkone tragenden Atlanten die Köpfe verloren hatten. Extrême Orient stand auf der Paneele. Sie klapperte im Novemberwind und hing nur noch an einem einzigen rostigen Nagel über der Tür. Davor, neben der Eingangsstufe, lag eine kleine tote Katze, deren Köpfchen eine Krähe aufgehackt hatte. In der Wunde des Tierchens hatte es sich ein Madennest gemütlich gemacht. Der Hauseingang offen, Baumaterial im Weg, im Fond des Gangs riesige schwarze Säcke, an vermummte Gestalten erinnernd. Eine Frau in Abaya und Hijab drückte sich an mir vorbei, winkte ab, als ich sie etwas fragen wollte. Ein junges unverschleiertes Mädchen in engen Jeans und in Eile kam mir zu Hilfe, der Aufzug sei immer kaputt, aber es stimme, die Wohnung im vierten Stock sei zu haben. Dort zogen wir dann ein, den Blick weit aufs Meer hinaus. La Blanche, von oben betrachtet, ist eine wunderschöne Stadt.


Ilma Rakusa in Berlin

Barbara Bongartz freut sich, Ilma Rakusa mit ihrem neuen Buch

Aufgerissene Blicke

am 5. März um 20.00 Uhr
in der Autorenbuchhandlung Fürst & Iven, Else-Ury-Bogen 599, 10623 Berlin vorzustellen.
Ilma Rakusa wird aus ihrem soeben bei Droschl erschienenen Berlin-Journal lesen.
www.fuerst-iven.de

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Ilma Rakusa und Barbara Bongartz 2008 in Klagenfurt
Photo S.Schleyer


DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN

Jetzt als Taschenbuch bei btb erschienen:

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Taschenbuch, Broschur, ca. 320 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-74545-6
ca. € 9,99


Pressestimmen zu DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN:

„Mit Wonne und Geschick entwickelt die  54 Jahre alte Schriftstellerin ein Geflecht aus Voyeurismus, gesellschaftlicher Abgrenzung und den individuellen Folgen von Ruhm und  Prominenz.“ Christoph Schröder, buchjournal, Februar 2012

„Barbara Bongartz ist eine Autorin, die entschlossen gegen den Strom der deutschen Gegenwartsliteratur schwimmt … DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN … ist nicht nur ein bitterböser, flirrender Gesellschaftsroman, sondern auch ein spannender Künstlerroman …“ Ruth Fühner, HR2

Januar 2012: DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN als besondere Empfehlung auf der SWR Bestenliste: „Balzac läßt grüßen. Ein scharfsichtiger, scharf gewürzter Gesellschaftsroman der unmittelbaren deutschen Gegenwart …“  Ursula März

„Ein beachtlicher Roman, der einem noch länger im Kopf herumrumort.“ Wolfgang Bortlik, 20min/ch


DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN

Er mußte ein Leben erfinden. Und die Frau, die es geführt hatte. Und ihre Erinnerung an dieses Leben:


DIE SCHÖNEN UND DIE REICHEN
Gesellschaftsroman um Demütigungen, Sehnsüchte, Abgründe und Obsessionen.
Geb. 320 Seiten, € 19,90
ISBN 978-3-86337-005-3

„Die Berliner Autorin erzählt kenntnisreich und virtuos … Am Ende steht ungeklärt, wer die wahre Hauptrolle in diesem Gesellschaftsroman gespielt hat, andererseits wird das ganz und gar unwichtig angesichts der entscheidenden Frage, wer hier eigentlich welche Geschichte geschrieben hat.“ Manuela Reichart, Deutschlandradio

„Was Barbara Bongartz in diesem Roman aber vor allem gelingt, das ist eine Diagnose der gegenwärtigen deutschen, nicht ganz echten, nicht ganz aufrichtigen Geschichtsversessenheit …“ Lorenz Jäger, FAZ

„Mit spitzer Feder kratzt Barbara Bongartz an der vorgeblich so feinen Gesellschaft … Nein, ein Schlüsselroman ist es nicht … Das Konzept von Kronkretem und daneben Unsichtbaren wird von der Autorin auf mehreren Ebenen durchgezogen. Dass die weibliche Hauptfigur sich dabei als allwissende Erzählerin präsentiert … paßt hervorragend zum Inhalt: Denn auch hier wird getäuscht und getarnt …“ Barbara Neuwirth, Die Presse/Wien

„… durch die Art und Weise , wie sie die Erzählerin gestaltet  und in das Geschehen involviert, setzt Barbara Bongartz spannende sozialpsychologische Akzente … Gerade ihre heftige Antipathie bindet die Erzählerin emotional an die Welt der Schönen und Reichen … Achtet man auf diese Details, so liest sich das Buch wie eine literarische Ergänzung zu Pierre Bourdieus soziologischer Theorie des sozialen Habitus.“ Christian Schachreiter, OÖNachrichten


PERLENSAMT

Jetzt als Taschenbuch bei btb erschienen:

320 S., € 9,99, ISBN 978-3-442-74201-1

 


Arabische Übersetzung von PERLENSAMT erschienen


Kalima translates German novel ‚Perlensamt‘ into Arabic
Barbara Bongartz’s award-winning novel gives readers insight into people’s passion for locks, doors, whilst generating strange sense of spying on something invisible.

 

 

 


 

ICH BIN AN WENIGEN ORTEN DAHEIM


Die Zürcher Kronenhalle in Geschichten
www.weissbooks.com

 

 

 


 

work in progress:

AM EIGENEN LEIB.

Von Körpern und Kleidern. Essays

Besuchen Sie Prada Som’s blog. Hier finden Sie regelmäßig Nachrichten und Bilder zum Fortgang des Projektes AM EIGENEN LEIB.
http://pradasom.wordpress.com

 


 

TOPMODEL

Heidi Klum hat es geschafft: Ihre Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ ist in aller Munde. Grund genug für Barbara Bongartz, sich im vergangenen Jahr auf eine Recherche zu begeben, die Erstaunliches zutage förderte. „Ich wollte wissen, wer diese Ikone der Massen ist und was die jungen Frauen dazu bringt, diese merkwürdig banale Person als Idol anzuhimmeln. Also begann ich bei Castings, Modenschauen und Shootings zu recherchieren …“. Das Ergebnis ist die Beleuchtung des ebenso schrillen wie traurigen Hintergrunds eines Geschäfts, in dem Demütigungen hingenommen werden wie ein abgebrochener Fingernagel und Unterwerfung den Status von coolness hat. Am Ende steht die Erkenntnis, daß „Würde“ ein Wert von gestern ist und „Ästhetik“ auf dem Niveau von Fertiggerichten rangiert.

Geb. 96 Seiten, € 14,95, ISBN 978 – 3 – 940888-52-5

„… ein  großartiges Buch, ein sehr schmerzhafter genauer und dokumentarischer Blick hinter die Kulissen der Modellwelt.“ Ruth Fühner

 


 

Barbara Bongartz im Interview mit
MANHATTAN USER’S GUIDE

MUG: Frau Bongartz, gerade ist bei weissbooks.w, einem jungen, sehr bemerkenswerten Frankfurter Verlag, Ihr neuer Roman Perlensamt erschienen, der virtuos und spannungsvoll eine fiktive Geschichte  mit historischer Wirklichkeit verquickt – ein Verfahren, das Sie in Ihrer Arbeit immer weiter, ich möchte sagen, bis zur Meisterschaft betreiben.

Max Lautenschläger für Brigitte Woman
Max Lautenschläger für
Brigitte Woman

BB(lacht): Vielen Dank …

MUG: In Perlensamt tauchen Spuren auf, die zurückverweisen auf Der Tote von Passy. Seit ich Ihre Arbeit kenne, Frau Bongartz, sehe ich Sie als eine Art lebendiges Gesamtkunstwerk. Ihre Arbeit erinnert mich – natürlich mit eindeutig literarischem Schwerpunkt – an das Vorgehen der französischen Künstlerin Sophie Calle.  Ist das eine kühne Hypothese?

BB: Gar nicht, eher amüsant – und natürlich ehrenvoll! Amüsant, weil Sie die dritte Person sind, die das in relativ kurzer Zeit erwähnt. Die erste war die Literaturwissenschaftlerin Anne Schülke, die über „Autofiktion“ promoviert und mich dazu interviewte, die zweite die Szenenbildnerin Naomi Schenck. Ehrenvoll, weil Sophie Calle eine außergewöhnliche Bildende Künstlerin ist, sehr poetisch, in hohem Maß dem Schein als Provokation folgend, also oberflächeninteressiert, und in der Auflösung ihrer Problemstellungen konsequent und schonungslos bis zur Schmerzhaftigkeit. Ich empfinde sie als sehr verzweifelt, ohnmächtig, aber ebenso mutig wie unermüdlich. Das teile ich. Aber es gibt tatsächlich auch einen anekdotischen Zusammenhang, den ich erst vor kurzem entdeckte. In ihrem wunderbaren Buch Double Game, eine Inszenierung in Anlehnung an eine Figur aus Paul Austers Leviathan, die der Autor nach Sophie  Calle gestaltete, folgt Sophie Calle den Regeln, die Auster für seine Romanfigur Maria erfand. Eine dieser Regeln ist, jeden Tag einem bestimmten Buchstaben zu widmen.

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Max Lautenschläger für Brigitte Woman

Auf Seite 25 vermerkt Calle unter dem B-Tag B for Beauty and the Bestiary … Birdbrain, for BB. Das ist wirklich lustig. Sophie Calles Vorgehen ist eine eigensinnige Form, sich das nicht beherrschbare Leben anzueignen, mit dem Vertrauten zu brechen und immer neue Oberflächen zu gerieren. Sie ist eine Analytikerin, eine Forscherin. Ihr Unterfangen ist traurig, ernergisch und hoheitsvoll zugleich. Anrührend auch. Zärtlich manchmal. Ich schätze ihre Arbeit über die Maßen.

MUG: Ist das Gewebe Autofiktion und Fiktion in Ihren Werken Absicht – um nicht zu sagen Konzept?

BB: Nein. Der fertige Stoff ist tatsächlich ein Gewebe aus Kette und Schuß. Der Kettfaden ist, um in diesem Bild zu bleiben, der Plan, das Konzept, und das Konzept ist immer der Fiktion verpflichtet. Der Schußfaden, also der, der das Muster aufbaut, ist durchtränkt von autobiographischen Elementen, die unbewußt und manchmal plötzlich Einfluß nehmen. Es kann da schon auch mal zu Webfehlern kommen, die aber bekanntlich auch bei wertvollen Teppichen den besonderen Charakter ausmachen, eben die Unverwechselbarkeit, weil die Regel gebrochen wird.

MUG: Haben Sie eine Theorie, wie es dazu kommt?

BB: Eigentlich interessiert mich das nicht so sehr, wie es dazu kommt. Aber wenn ich spekulieren sollte: Es ist das Unbewußte, das an die Oberfläche dringt. Ich bin sehr abhängig davon, es hat für mich mehr Orientierungsqualität als ein Willensakt. Deswegen ja auch die tesaFilmCollagen, die eine Anregung meines Unbewußten sind. Die Wirklichkeit, in der ich als Kind lebte, hat mich so gefoppt, daß ich mitunter orientierungslos war. Heute sehe ich das anders. Meine Biographie ist meine Biographie, und die schreit nach Fiktion und schreibt die Fiktion. Daraus ergibt sich, daß die fiktionalen Konzepte immer auch Autobiographisches enthalten. Das allerdings ist bei vielen Autoren so, es wird nur nicht explizit thematisiert, und das Autobiographische der anderen ist nicht immer gleichbedeutend mit Orientierungslosigkeit.

MUG: Es gibt nicht so viele Journalisten, die bisher auf diesen Aspekt Ihres Werks eingegangen sind.

BB: Das fängt langsam an. In Deutschland gilt das Verfahren der Autofiktion schnell als verdächtig. Als würde man über Intimitäten plaudern, um sich wichtig zu machen. Ich kenne mich nicht damit aus, würde diese Frostigkeit, dieses Unspielerische aber gern Luther ankreiden … Wer glaubt, er lese meine Privatsphäre aus den Büchern heraus, tappt mitten in die Falle der Autobiographie. Aber Sophie Calle ist ja auch kein deutsches Phänomen. Sie ist Französin und lebt und arbeitet dort.

MUG: Der Tote von Passy sagt also nicht die ganze Wahrheit über Sie?

Max Lautenschläger für Brigitte Woman
Max Lautenschläger für Brigitte Woman

BB(lacht): Der Tote von Passy sagt eine Wahrheit über sein Thema. Ich denke nicht, daß es die ganze Wahrheit gibt, die Wahrheit ist ein unendlicher Prozeß.

MUG: Ihr neuer Roman Perlensamt behandelt zum einen das Thema „Raubkunst“ auf sehr aufschlußreiche Weise, indem er nicht nur die Probleme „Provenienz“ und „Restitution“, sehr allgemeine Begriffe, anhand einer Person beispielhaft vorführt. Perlensamt hat, soweit jedenfalls bin ich gekommen, mindestens vier weitere Lesarten.

BB: Nun ja, die Herkunftsfrage der Gemälde aus der Sammlung Perlensamt wird gespiegelt durch die Herkunftsfrage der Personen. Die Herkunft von David Perlensamt, des Ich-Erzählers Martin Saunders und seiner Kollegin Mona Herbart spielen eine ebenso gewichtige Rolle wie die Provenienzen der Kunst, um die es geht. Und es scheint schwer zu sein, diese Provenienzen festzulegen. Selbst bei einer Nebenfigur, Margaux Veil, deren Episode gleich zu Beginn des Romans das Thema vorführt wie in einer Ouvertüre, kann man sich nicht sicher sein, wer sie ist. Das liegt natürlich an der Zeit, der diese Figuren entstammen. Nach diesem Krieg, nach diesen Schreckensereignissen wurden viele Identitäten ausgetauscht, behauptet, erlogen. Das Schweigen einer ganzen Generation tat ihr Übriges, falsche Fassaden als Identitäten zu zementieren.

Max Lautenschläger für Brigitte Woman
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MUG: Provenienzforscherin sind Sie selbst aber auch: Sie haben in dem eben schon erwähnten Roman Der Tote von Passy die eigene Herkunft als adoptiertes Kind ergründet. Darüberhinaus gibt es noch eine Parallele von Perlensamt zur Wirklichkeit: Wenn dort von „Betroffenheitsadel“ die Rede ist, berührt der Begriff Ihre Kooperation mit Alban Nikolai Herbst, mit dem Sie den literarischen – also fiktiven – Briefwechsel „Inzest oder die Entstehung der Welt“ geschrieben haben. Herbst arbeitet als Schrifsteller unter einem Pseudonym, da sein Geburtsname Alexander Michael von Ribbentrop kontaminiert ist.

BB: Mir scheint, die Provenienzforscherin sind Sie. Nur weiter so!

MUG: Ein aufmunterndes Schlußwort. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jo Katzstein für Manhattan User’s Guide in New York. Übersetzung Rainer Facklam.


 

Perlensamt

perlensamtMartin Saunders, amerikanischer Kunsthistoriker in Berlin, lernt durch Zufall David Perlensamt kennen – einen eigenartig anziehenden, geheimnisvollen Menschen. Wenige Tage nach dieser Begegnung geschieht in Perlensamts Wohnung in der Fasanenstraße ein Mord. Fast zur selben Zeit wird dem Auktionshaus, für das Saunders arbeitet, ein Courbet angeboten. Exakt das Bild, das Saunders in der Wohnung Perlensamts gesehen hat …

Perlensamt ist ein Kriminal- und Gesellschaftsroman, der das große Thema Raubkunst aufblättert – auf den Spuren bedeutender Werke und ihrer »Sammler« zwischen Berlin, Paris, New York.

Auslieferung: 10. August
Gebunden, 320 Seiten
ISBN 978-3-940888-43-3

In Verbindung mit der Buchpremiere werden im Literaturhaus in einer Ausstellung zum ersten Mal die zum Roman gehörenden Collage-Tableaux gezeigt, sogenannte tesa-Filme. Einführung und Moderation: Elmar Krekeler

Mit freundlicher Unterstützung der Firma tesa.

 

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